Matze, Wein und Bitterkraut

11. April 2017
Pessach im Jüdisch-sefardisch-bucharischen Zentrum: Am zweiten Seder-Abend, dem 11. April, erinnerten sich rund 80 Gemeindemitglieder an den Auszug der Juden aus Ägypten.
"In den Schränken, hinter allen Kanten, in allen Zwischenräumen haben wir gesucht", erzählt Avi seinen Freunden. "Und am Ende hat sich herausgestellt: Die Matze war unter dem Teppich versteckt!"
Der Zwölfjährige strahlt über das ganze Gesicht. Über eine Stunde hat er nach dem ungesäuerten Stück Brot gesucht, das seine Eltern am ersten Seder-Abend für die Kinder versteckt hatten. Das Geldgeschenk, das er zur Belohnung bekam, war am Ende umso schöner. Auch der zehnjährige Rafael liebt diese Tradition.Er hatte die Matze selbst für seine Familie versteckt. "Aber mein Versteck war viel zu leicht, sie haben es sofort gefunden."
Pessach im Jüdisch-sefardisch-bucharischen Zentrum in Hannover: Es gab viele Geschichten zu hören, als sich die Gemeindemitglieder hier am Abend des zweiten Seder trafen. Die meisten der rund 80 Gäste aus Hannover und Niedersachsen hatten den ersten Tag der Pessach-Woche mit ihren Familien verbracht. In der Ricklinger Synagoge sind sie zusammengekommen, um den Auszug der Juden aus Ägypten mit der Gemeinde zu begehen.
"Pessach, das bedeutet auch viel Arbeit, besonders für die Frauen", berichtet die stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, Rosa Boroukhova. Schließlich sollen die uralten Rituale an die Entbehrungen der Flucht erinnern. Damals blieb den Juden wegen ihres hastigen Aufbruchs keine Zeit für die Vorbereitung von Proviant. So steckten sie das Mehl ein, noch bevor der Teig Zeit zum Gehen hatte. Darum sollen die Wohnungen in der Pessach-Woche frei sein von allem Gesäuerten: Kein Getreide, keine Nudel, kein Krümel Brot darf zu finden sein. "Für uns heißt das: Jeden Schrank putzen, jede Schublade auswischen, jede Tasche von innen nach außen kehren", erzählt Rosa Boroukhova. "Das kann Tage dauern."
Umso ausgelassener ist die Stimmung am Abend des zweiten Seder. Kinder toben zwischen den vorbereiteten Tischen, die Männer tragen Anzüge und Kippas, auch viele Frauen sind mit filigran gestickter Kopfbedeckung erschienen. Es ist Rabbiner Yafim Aminov, der die Gäste immer wieder an die tiefe Bedeutung des Feiertages erinnert. Denn "Seder" bedeutet "Ordnung", und die strenge Ordnung der Rituale hat das jüdische Volk in allen Zeiten verbunden – bis heute, über drei Jahrtausende und über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg. "Pessach ist der Tag, an dem wir unsere Kinder darin unterrichten, wie man ein rechtes Leben führt", lehrt Rabbi Aminov. "Gebe Gott, dass es gelinge."
Die Worte der Thora, die an diesem Abend verlesen werden, erinnern an die Geschichte des jüdischen Volkes. Die Zeremonie des Pessach-Mahls aber ist ein Erlebnis, das den Weg durch die Wüste zu Gott am eigenen Leib nachvollziehbar macht. "Wer an Pessach die folgenden drei Dinge nicht erwähnt hat, der hat seine Pflicht nicht erfüllt: Pessach-Opfer, Matze und Bitterkraut", so steht es im Talmud. Das Mahl wird eingeleitet durch das Brechen der Matze und das erste Glas Wein, das mit dem Segen des Rabbiners gereicht wird. Matze, belegt mit einem Blatt Eisbergsalat und bestrichen mit einer süßen Masse aus Rosinen, Walnuss, Apfel und süßem Wein – dieser erste Gang steht symbolisch für die harte Arbeit in ägyptischer Sklaverei, für die Entbehrungen des langen Weges und für die Tränen, die geweint wurden über den Verlust der Heimat.
Während Rabbi Aminov in der Synagoge seine Gemeinde die Rituale des Pessach-festes lehrt, wird in der Küche mit fliegenden Händen das Festtagsmenü zubereitet. Dem dreiköpfigen Team um Küchenchefin Ljudmilla Mataeva gilt an diesem Abend der besondere Dank des Rabbiners: "Alle Speisen, die wir auf diesen Tischen sehen werden, wurden nach 21 Uhr zubereitet. Die Vorbereitungen tagsüber treffen – am zweiten Seder der Pessach-Woche geht das nicht!" In den späten Abendstunden wird alles Lauschen, Lesen und Beten reich belohnt: mit einem koscheren Mehr-Gänge-Menü aus Salaten, Fisch, Lamm und usbekischem Plow.
Und natürlich gehen die Gäste nicht nach Hause ohne ein Stück Pessach-Matze, das sie sich sorgfältig verpackt in ihre Taschen stecken – als Glücksbringer und spiritueller Wegbegleiter bis zum Pessach-Fest im nächsten Jahr.

Andrea Rehmsmeier