Interview mit Michail Davidov

"Wir wollen ein solches Zentrum bilden, wo sich alle bucharischen Juden in Deutschland vereinigen würden"

Michail Davydov, der Vorsitzende der Gemeinde der bucharischen Juden in der Stadt Hannover





Im Jahre 2002 trat ein wichtiges Ereignis ein: Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands wurde hier eine Gemeinschaft der bucharischen Juden neu geschaffen. Es wurde damals die Gemeinde der bucharischen Juden in Hannover offiziell registriert. Über die Geschichte ihrer Herausbildung und über ihre in der Gegenwart und der Zukunft liegenden Aufgaben haben wir mit Michail Davydov, dem Vorsitzenden der Gemeinde, ein Gespräch geführt. Herr Davydov, erzählen Sie bitte, warum die Entscheidung getroffen wurde, die Gemeinde zu gründen, und wie ihr Entwicklungsprozess vor sich ging? Wie bekannt, zählt die Geschichte der bucharischen Juden viele Jahrhunderte. Es bildete sich eine einmalige Kultur mit ihren Traditionen und Bräuchen, und wir sind verpflichtet, sie zu erhalten und an unsere Nachkommen weiterzugeben. Eine kennzeichnende Besonderheit unserer Gemeinde besteht darin, dass dazu im Wesentlichen junge Leute gehören. Diese Tatsache freut uns sehr, weil dadurch unsere Kinder nicht nur das Land, in dem sie leben, sondern auch ihre Religion und Kultur kennen und achten werden. Ich möchte betonen, dass unsere Vereinigung einzigartig ist, denn nie zuvor in der Geschichte Deutschland gab es hier eine Gemeinschaft der bucharischen Juden. Wir sind deshalb stolz darauf, dass wir damit den Anfang einer großen Sache machen. Womit beschäftigt sich heute die Gemeinde und wie hält man die Verbindung ihrer Gemeinde mit den anderen bucharischen Juden aus Deutschland und den anderen Ländern? Die Gemeinde führt ein aktives Leben. Wir führen eine große Arbeit durch: Sie betrifft sowohl die Erhaltung unserer Traditionen, als auch die jüdische Bildung und verschiedene soziale Fragen. Es wurde ein Vorstand gewählt, der aus neun Personen besteht und der alle wichtigen Fragen kollegial entscheidet. Bei uns werden die hebräische Sprache, das Zeichnen, die Tänze, der Chorgesang und das Schachspiel unterrichtet. Es funktionieren der Frauenrat und das Jugendzentrum, während der Schulferien schicken wir unsere Kinder auf Reisen sowohl in verschiedene Orte in Deutschland als auch ins Ausland. In kurzer Zeit wird auch ein Computerkurs für Erwachsene organisiert werden. Was die Verbindung mit den anderen bucharischen Juden in Deutschland betrifft, besteht sie selbstverständlich. Es geht darum, dass jetzt in diesem Staat, in verschiedenen Städten, jetzt mehr als sechshundert Vertreter unseres Volkes wohnen. In Düsseldorf beispielweise haben gegen zweihundert Menschen ihr Zuhause. Unsere Gemeinde will also zu so einem Zentrum für alle bucharischen Juden in Deutschland werden, wo sie sich zusammenschließen würden. Darüber hinaus halten wir die Verbindung mit allen Gemeinden der bucharischen Juden in der Welt, nämlich in Israel, in den USA, in Österreich und in Russland. Im Jahre 2000 versammelte Herr Lev Levaev die bucharischen Juden aus der ganzen Welt auf einem Kongress in Israel. Es war ein hervorragendes Ereignis: Zum ersten Mal in der Geschichte wurde so ein großer Schritt für die Konsolidierung des Volkes eingeleitet. Seitdem sammeln sich jedes Jahr bis zu vierzig tausend bucharischen Juden auf solchen Kongressen. Ich hatte die Gelegenheit, an sieben Kongressen teilzunehmen, und ich hoffe, dass ich mich auch an den zukünftigen Treffen beteiligen werde. Welche Arbeitspläne hat die Gemeinde für die allernächste Zukunft? Wir hoffen, dass im Laufe dieses Jahres unsere organisatorischen Probleme gelöst werden können. Erstens bleibt eine Frage des neuen Ortes für unsere Gemeinde noch offen. Heute wurde ein sehr wichtiger Schritt getan: Es wurde ein Gebäude ausgewählt, in das wir planen umzuziehen. Natürlich ist der Umzug eine schwierige Arbeit, aber wenn es uns gelingen wird, werden wir so ein Gebäude haben, wo alle Bedürfnisse unserer Gemeinde befriedigt werden können. Zweitens gibt es noch eine akute Frage, die die Suche nach Rabbiner für unsere Synagoge betrifft. Heute haben wir einen Kantor, der nicht nur seine Hauptarbeit leistet, sondern auch Aufgaben des Rabbiners teilweise erfüllt. Wir können aber ohne Rabbiner gar nicht auskommen. Eigentlich ist er die "Seele" jeder Gemeinde, ihr "Kernstück". Zum jüdischen Neujahrsfest kommen zu uns ein oder zwei Rabbiner aus Israel, was uns natürlich ziemlich teuer ist. Wir hoffen, dass wir unseren eigenen Rabbiner haben werden, und wir arbeiten auf das Ziel hin. Mit dieser Frage beschäftigt sich jetzt die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Ich möchte Sie nach Ihren persönlichen Lebenseindrücken fragen, denn Sie haben einst mit Ihrer Familie Ihren Wohnsitz im Land gewechselt, wo Sie gewohnt hatten, und sind dann hierher übergesiedelt. Sie haben sich damals für diesen schwierigen Schritt entschieden. Was half Ihnen dabei und wie schätzen Sie jetzt den von Ihnen gegangenen Weg ein, den Sie damals genommen haben? Ja, schon vor zwanzig Jahren haben wir Kirgisien verlassen. Das Leben in Deutschland fiel uns damals sehr schwer. Die Unkenntnis der Sprache, die fremde Lebensweise, der ungeregelte Haushalt. Wir bewältigten diese Schwierigkeiten, räumten sie, genauso wie viele andere Emigranten, aus dem Weg. Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, dann kann ich große Fortschritte feststellen. Es gibt viele Sachen und viele Leute, auf die wir stolz sein können. In unseren Reihen haben wir schon sowohl erfolgreichen Geschäftsleute als auch Ärzte und Ingenieure. Unsere Kinder gehen in die Schulen, studieren, integrieren sich in die deutsche Gesellschaft, aber dabei vergessen sie ihre Kultur und Geschichte nicht. Außerdem vereinigten wir uns. Es gelang uns zwar nicht so schnell, sich zu vereinigen, aber immerhin wurde es getan. Sie fragen mich, was mir im Laufe aller diesen Jahren half, was mich unterstützte. Ich antworte so: Mein Glaube und meine Überzeugung, dass jeder Mensch seine Vorfahren und seine Geschichte kennen muss. Ohne Kenntnis unserer Anfänge sind wir ein Nichts. Ja, vieles viel uns schwer, aber wir vermochten uns selbst zu erhalten. Die heutigen Schwierigkeiten können uns deshalb nicht so unüberwindlich scheinen. Es ist das Wichtigste, dass wir zusammen sind und dass wir die Möglichkeit haben, unsere jüdische Identität zu erhalten.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit allen Ihren Initiativen!