Die so ferne und so nahe Geschichte

Vor Kurzem fand in unserer Gemeinde ein Treffen mit Vertretern der bucharisch-jüdischen Intelligenzia aus Israel: Hannah Tolmas, Dr. der Philosophie, und Mark Fasilow, Schriftsteller, Historiker, Journalist und stellvertretender Redaktuer der Zeitung „Menora“.

An dem Abend versammelte sich in der Synagoge ein aktiv tätiges und wissbegieriges Publikum. Die Unterhaltung mit den beiden Gelehrten verlief lebhaft und spannend: Es wurde über viele Fakten aus der Geschichte unseres Volkes und über die Herkunft der Familiennamen gesprochen, es ging aber auch um ganz aktuelle Fragestellungen in der historischen Forschung, Schwierigkeiten in der weiteren Entwicklung und im Leben bucharischer Juden in Israel und Deutschland und nicht zuletzt um Möglichkeiten, die Sprache zu erlernen.

Kurz zum Lebensweg unserer Gäste und ihrem beruflichen Werdegang: Frau Tolmas stammt aus Duschanbe. Sie studierte Fremdsprachen am Pädagogischen Institut Duschanbe, und nach ihrer Übersiedlung nach Israel absolvierte sie ein Doktorandenstudium in iranischer, indischer und armenischer Sprachen und promovierte an der Universität Jerusalem in Philosophie. Sie tritt mit Vorträgen auf internatinalen Konferenzen in verschiedenen Ecken der Welt auf, ist Autorin von wissenschaftlichen Beiträgen zu Themen Folklore, Sprache, Literatur, Anthroponymie der bucharischen Juden, Buchautorin, Redakteurin und Übersetzerin.

Mark Fasilow ist Publizist, Mitglied des Schriftstellerverbandes Israels, aber auch internationaler Großmeister und dreifacher Weltmeister in Damespiel, Träger von nationalen Titeln im russischen Damespiel.

Fasilow hob hervor, dass es in der Geschichte der bucharischen Juden noch viele weiße Seiten gibt. Als Beispiel nannte er die Historie von Synagogen und Friedhöfen der bucharischen Juden oder die Rolle von ihren herausragenden Persönlichkeiten in bestimmten Zeitphasen, die Sprachgeschichte. Die Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft liegt in der Erforschung dieser weißen Flecken, im Sammeln von Fakten, im Herausgeben von Büchern, die diese fehlenden Seiten enthalten.

Anknüpfend daran berichtete Fasilov von der wissenschaftlichen Konferenz, die am 14. September in Israel eröffnete. Sie widmet sich dem Thema „Bucharische Juden: Fragen in ihrer Geschichte und Kultur“. Alle vorgesehenen Beiträge können in einem zur Konferenz herausgebrachten Band nachgelesen werden. „Das Programm ist sehr dicht“, so Fasilow. „Daran sollen Vertreter aus fünf Ländern teilnehmen – es werden also viele aktuelle Fragen besprochen.“ Eines der mitgebrachten Exemplare des Bandes schenkte er unserer Gemeinde, das Vorstandsvorsitzender Michael Davidov entgegennahm.

Aus dem Publikum kam die Frage nach der Herkunft der Sprache von bucharischen Juden. „Es steht außer Zweifel, dass bucharische Juden ihre Sprache nach Zentralasien mitbrachten“, beantwortete die Frage Fasilow. „Wir haben ja eine schier unglaubliche Zahl an Wörtern aus dem Aramäischen.“ Eine andere Frage lag den Anwesenden auch am Herzen: Welche Möglichkeiten gebe es, die Sprache der bucharischen Juden zu erlernen? Swetlana Motaewa, Leiterin eines Projektes für Mädchen, in dem sie Sitten und Bräuche des jüdischen Lebens kennenlernen, erwähnte ebenfalls, dass Kinder oft fragen, mit welchen Büchern oder auf welchen Internetseiten sie sich diese Sprachkenntnisse aneignen könnten. Wie Hannah Tolmas berichtete, es gebe derzeit kein Lehrbuch für Kinder, sodass es die Aufgabe der Eltern sei, den Kindern die sprachlichen Grundlagen beizubringen, zum Beispiel die Muttersprache zu Hause zu benutzen. Als Hilfe kann dabei der von Tolmas herausgegebene jüdisch-tadschikischer Sprachfüher dienen, den es für Englisch- und Ivritsprechende gibt.