Geschichte meiner Mutter

Im September dieses Jahres sind es zehn Jahre seit dem Todestag von Barucha Aminova. Über die Mutter erzählt ihre Tochter Riva Davydova:

"Meine Mutter war eine bescheidene, gute und reine Seele, sie verhielt sich allen gegenüber mit großer Liebe. All ihr Leben widmete sie ihren Kindern, Enkeln und Enkelinnen, Urenkeln und Urenkelinnen. Sie lehrte uns alle, dass wir würdige, rechtschaffene und offene Menschen sein sollen. Die Mutter ist im Jahre 1910 in der Stadt Kokand, in der Familie von Rafoel Aminov, der tief religiös war, und Sara geboren. Es gab insgesamt vier Kinder in der Familie, von denen meine Mutter das letzte Kind war. Die Familie lebte im Wohlstand. Der Vater war erfolgreicher Kaufmann, die Mutter Sara arbeitete als barmherzige Schwester.

Mit dem Antritt der Sowjetmacht und dem Wüten der Basmatschentum traten grundlegende Veränderungen in der Familie ein. Die Basmatschen (die Banditen im Mittelasien jener Zeit) verbrannten ihr Haus, raubten ihr Vermögen aus, erschossen die ältere Schwester meiner Mutter. Die Familie war genötigt, in die Stadt Samarkand zu fliehen. Die Großmutter Sara konnte den Verlust ihrer Tochter nicht überstehen und starb im Alter von nur 37 Jahren. Nach einer gewissen Zeit verreiste mein Vater mit den Kindern in die Stadt Schachrissabs, wo der Vater meines Vaters — mein Großvater Dschura — uns damals zu Hilfe kam.

Meine Mutter war nur zwölf Jahre alt, als sie verheiratet wurde. Im Alter von 13 Jahren gebar die Mutter ihr erstes Kind. Es war ein Junge, der jedoch bald nach der Beschneidung starb. Noch drei Kinder starben im Kindesalter an Masern. Als meine Mutter viezehn Jahre alt war, begann sie schon ihr arbeitsreiches Leben. Sie fand Arbeit in einem Krankenhaus. Man stellte sie nicht sofort ein, weil sie sehr jung und zart war. Jedoch dank ihrer Arbeitsamkeit gewann sie bald die Achtung und die Liebe des ganzen Krankenhauspersonals und aller Patienten. Nachdem sie in diesem Krankenhaus eine bestimmte Zeit tätig war, gab sie diese Arbeit auf und bekam zuerst eine Stelle als Erzieherin und dann die als Köchin in einem Kindergarten. Kinder im Kindergarten nannten sie "Mama", weil meine Mutter ihnen ihre grenzenlose Sorge für sie und ihre Seelenwärme schenkte. Im Jahre 1948 starb der Vater an Typhus. Er hinterließ meine Mutter und die Kinder. Die Mutter war genötigt, sehr viel zu arbeiten. 1957 siedelte meine Mutter mit uns in die Stadt Buchara über, wo mein Bruder wohnte. Dort fand sie nach kurzer Zeit Arbeit und nahm ihre Tätigkeit als Köchin in einem Kindergarten wieder auf. Einige Jahre später wurde der Sohn schwer krank. Es wurden alle Kräfte für seine Genesung aufgeboten, aber die Ärzte waren der Krankheit gegenüber leider machtlos… Dieser Verlust war ein harter Schlag für die Mutter. Mein Bruder war eine Stütze für unsere Mutter und für uns, er unterstützte uns alle. Nach seinem Tod krampfte sich das Herz der Mutter im Leibe vor Kummer. Mein Mann ?ichail brachte sie und meine jüngere Schwester Raja zu uns nach Frunse mit. Bei uns fand meine Mutter Ruhe, man sorgte für sie, sie war mit Liebe und Achtung umgeben. Im Jahre 1993 siedelte die Mutter mit uns nach Deutschland über. Nach einigen Jahren entschloss sie sich, nach Israel zu fahren. In Israel sorgten auch meine Schwestern Ira und Raja für sie. Sie war eine sehr kontaktfreudige und hilfsbereite Frau, und viele Leute fühlten sich deshalb von ihr angezogen. Alle waren bestrebt, den Segen von ihr zu bekommen. Ihr Lebensweg, ihre Liebe zu den Angehörigen, ihre unerschütterliche Geisteskraft, die Erfüllung des Kaschruts — sowohl des körperlichen als auch des geistigen Kaschruts —, all das ist uns allen ein unvergessliches Beispiel und wert, nachgeahmt zu werden. Bis auf fast die letzten Tage ihres Lebens blieb meine Mutter bei vollem Verstand und beweglich. Die Mutter schenkte ihren acht Kindern das Leben. Wo sie auch arbeitete, überall gab sie ihre ganzen Kräfte für das Wohl der Menschen hin, nahm sie dabei viel Rücksicht auf andere Menschen und verhielt sich allen gegenüber mit Liebe. Wir werden uns an unsere Mutter jeden Tag erinnern: Ihr liebliches Gesicht, ihre guten und weisen Ratschläge. Unsere Mutter war heilig unter heiligen Frauen. Möge ihre Stelle im Paradies sein".